Schwarzweiß-Foto einer Arbeiterin in der Schweiz beim Walzen einer Dachplatte.

Asbest
Wegen seiner Vielseitigkeit war Asbest lange ein sehr beliebter Werkstoff. Gesundheitsschädlich ist vor allem das Einatmen von Asbestfasern. Diese sind häufig so klein, dass sie bis in die Lungenbläschen (Alveolen) gelangen können. Seit 1993 ist die Herstellung und Verwendung in Deutschland verboten. Das Bild zeigt eine Arbeiterin in der Schweiz beim Walzen einer Dachplatte.

Welche Aufgaben hat die Gesundheitsvorsorge?

Wir organisieren arbeitsmedizinische Vorsorge für Menschen, die in ihrem Berufsleben Stäuben von Asbestfasern, Siliciumdioxid oder künstlichen Mineralfasern ausgesetzt waren. Sie haben ein hohes Risiko, an Lungenkrebs oder – im Fall von Asbest – auch an Mesotheliomen des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards zu erkranken. Diese Begleitung nennen wir nachgehende Vorsorge, weil sie nach dem Berufsleben einsetzt. Wenn sich bei der Vorsorge ein Verdacht auf eine Berufskrankheit ergibt, informieren wir sofort die zuständige Unfallversicherung. Sie übernimmt dann die weitere Begleitung und prüft eine Berufskrankheit.

Wo haben diese Menschen gearbeitet?

Viele kommen zum Beispiel aus der Baubranche oder dem Malerhandwerk. Asbest wurde bis zum Verbot im Oktober 1993 in Bauteilen, Farben und Putzen verwendet. Aber auch alle anderen Branchen sind wegen des vielfältigen Einsatzes vor dem Verbot mehr oder weniger betroffen. Seit 2012 sind wir außerdem für die ehemaligen Beschäftigten der SAG/SDAG Wismut zuständig, die von 1954 bis 1990 in Ostdeutschland Uran abgebaut haben.

Wie erreichen Sie die Versicherten?

Wir schreiben die Versicherten in einem festgelegten Turnus an, in der Regel alle drei Jahre, die Hochrisikogruppen sogar jährlich. Circa 5.000 bis 8.000 Einladungen zur Vorsorge verschicken wir jeden Monat. Wir informieren, dass die ärztlichen Beratungs- und Untersuchungsangebote kostenlos sind, dass wir Fahrtkosten und Verdienstausfall ersetzen und natürlich, dass die Teilnahme freiwillig ist. Viele brauchen und möchten erst einmal eine arbeitsmedizinische Beratung. Nicht immer werden in der Folge Untersuchungen empfohlen! Die ärztliche Beratung steht klar im Vordergrund. Hier können die Betroffenen im Hinblick auf ihr berufsbedingtes Erkrankungsrisiko alle Fragen stellen, ihre Sorgen und Ängste besprechen und weitere Untersuchungen abstimmen.

Wo finden die Versicherten einen Arzt?

Wir haben ein bundesweites Netz an Betriebs- und Arbeitsmedizinern aufgebaut, das wir in einem Onlineportal vorhalten. In der Einladung schlagen wir Ärztinnen oder Ärzte vor, die in Wohnortnähe eine arbeitsmedizinische Vorsorge anbieten. Unser Team prüft regelmäßig, ob sie eventuell überlastet sind oder die Praxis aufgegeben haben. Gibt es in einem Gebiet einen Engpass, gehen wir auf qualifizierte Ärztinnen und Ärzte zu, um sie für die Zusammenarbeit zu gewinnen. Es ist wichtig, dass die Versicherten arbeitsmedizinisch versierte Ansprechpartner oder Ansprechpartnerinnen haben, denen sie vertrauen. Das Thema Asbest ist ja mit vielen Ängsten und Sorgen behaftet.

Die Teilnahme an der Vorsorge ist für die Versicherten kostenlos und freiwillig. Wieviel Prozent der Eingeladenen nutzen sie?

Genaue Zahlen haben wir leider nicht. Aber bei unserem neuen, erweiterten Angebot zur Erkennung von Lungenkrebs in frühen Stadien werden wir das Teilnahmeverhalten auswerten. Eine Studie, die vor etwa fünf Jahren in Kooperation mit uns durchgeführt wurde, hat zum Beispiel gezeigt: Frauen nehmen die Angebote häufiger wahr als Männer, Nichtraucher oder entwöhnte Raucher häufiger als Raucher. Wer die Angebote nicht nutzt, wird von uns dennoch Zeit seines Lebens immer wieder eingeladen.

Warum ist es wichtig, dass Unternehmen ihre Mitarbeitenden zur nachgehenden Vorsorge anmelden?

Nun, zum einen sind sie dazu nach der Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) verpflichtet. Zum anderen übertragen sie nach dem Ausscheiden des Mitarbeitenden die Verantwortung und die Aufgaben an Organisationen, die darauf spezialisiert sind und gewährleisten, dass eine nachgehende Vorsorge regelmäßig nach besten medizinischen Standards durchgeführt wird. Wir haken auch spätestens mit Erreichen des Rentenalters bei bereits registrierten Personen nach, für den Fall, dass eine Anmeldung in die nachgehende Vorsorge vergessen wurde. Manchen Unternehmen ist nicht bewusst, dass bereits kurze Expositionen gegenüber gefährlichen Stäuben eine gesundheitsgefährdende Wirkung haben können. Es reichen vielleicht wenige Minuten, zum Beispiel bei einem Brand aus. Deshalb ermutige ich dazu, jede Exposition ernst zu nehmen.

„Auch eine Exposition von wenigen Minuten kann reichen, um später zu erkranken. Deshalb sollte jeder Arbeitgeber auch Mitarbeitende mit wenig Kontakt zur nachgehenden Vorsorge anmelden.“
Alexandra Centmayer, Leiterin der Gesundheitsvorsorge

Ende 2019 haben verschiedene Organisationsdienste ein gemeinsames Meldeportal für ausscheidende Mitarbeitende eingerichtet. Wie ist die Resonanz?

Sehr gut! Es macht es den Anmeldern ja auch sehr einfach. Man muss keinen Papierkram mehr erledigen und die Mitarbeitenden werden nach der Online-Eingabe automatisch dem für sie zuständigen Dienst zugeordnet. Wir arbeiten stetig an einer Verbesserung. Unser Fernziel ist, die Vorsorgedaten miteinander zu vernetzen. Das könnte Menschen, die mehreren Gefahrstoffen ausgesetzt waren und daher von verschiedenen Diensten betreut werden, dazu verhelfen, dass künftig alle Vorsorgeanlässe in einem Termin erledigt werden können.

Was passiert eigentlich mit den vielen Röntgenbildern und Untersuchungsberichten?

Die landen in unserem Archiv! 40 Jahre müssen die Röntgenbilder aufbewahrt werden. Aktuell haben wir 1,2 Millionen Aufnahmen archiviert, unter größten Datenschutz- und Sicherheitsauflagen selbstverständlich. Ein Projekt zur Digitalisierung analoger Röntgenbilder, die bis circa 2012 Standard waren, ist leider gescheitert: Die Dateien waren nicht mehr zur ärztlichen Befundung geeignet.

Wie wird die Arbeit der GVS von den Versicherten, aber auch der Forschung wahrgenommen?

Ich hoffe, es klingt nicht pathetisch oder arrogant, aber: Wir sind ein sehr geschätzter Partner der Versicherten und der Selbsthilfegruppen. Und für die medizinische Wissenschaft und Forschung sind unsere Daten oft ein einmaliger Schatz! Niemand außer uns kann in Deutschland eine Datei vorweisen, in der so viele Versicherte mit früherer beruflicher Asbeststaubexposition erfasst sind. Und wir können nach Berufsgruppen, Gefährdungen, Bundesländern und weiteren Merkmalen differenzieren. Die Unfallversicherungsträger nutzen Auswertungen, um bei einigen Branchen genauer hinzuschauen. Und es gibt auch viele Unternehmen, die sich gern Zwischenstände mitteilen lassen, um ihre Schlüsse daraus zu ziehen.

Hat sich die Lebenserwartung der exponierten Versicherten durch Verbot von Gefahrstoffen, mehr Arbeitsschutz und bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten über die Jahre hinweg erhöht?

Mein Gefühl sagt: ja. Leider sind mir keine Studien oder Zahlen bekannt.

Die GVS investiert viel in die Forschung. Das erweiterte Vorsorgeangebot zur Erkennung von Lungenkrebs in frühen Stadien ist ein Ergebnis davon. Wen erreicht das Angebot?

Menschen mit besonders hohem Risiko. Wir sprechen mit dem erweiterten Vorsorgeangebot aktuell Menschen an, die mindestens 55 Jahre alt sind, mindestens zehn Jahre asbeststaubgefährdet waren und 30 Packungsjahre oder mehr geraucht haben. Nach dem Start 2014 in der Pilotregion Hamburg sind wir nun bundesweit tätig.

Wie viele Versicherte sprechen sie damit an?

Rund 22.000 von 240.000 Versicherten erfüllen die Voraussetzungen zur Teilnahme. Wir bieten ihnen nach der Teilnahme an einem ausführlichen arbeitsmedizinischen Beratungsgespräch die Durchführung einer jährlichen Low-Dose-High-Resolution-Computertomografie an, um asbestverursachte Lungentumoren in einem sehr frühen Stadium zu entdecken und damit die Therapieoptionen und die Heilungschancen zu verbessern. Das ist eine herausfordernde Aufgabe – wegen der zahlreichen Teilnehmer, der ständigen Qualitätssicherung und Dokumentation zur wissenschaftlichen Begleitforschung. Elf Mitarbeitende des GVS-Teams sind allein mit diesem Angebot betraut.

Wird sich die Diagnostik weiter verbessern?

Der Einsatz von Biomarkern kann ein Meilenstein werden, hier läuft seit einigen Jahren die Forschung auf Hochtouren. Zur Früherkennung von Mesotheliomen stehen bereits Biomarker für den Einsatz in der nachgehenden Vorsorge in geeigneten Risikokollektiven zur Verfügung – derzeit Personen mit anerkannter Berufskrankheit Asbestose. In unserem erweiterten Vorsorgeangebot können freiwillig bei der Untersuchung Blut- und Speichelproben für die Erforschung von Biomarkern zur frühen Erkennung von Lungenkrebs abgegeben werden. Es wäre ein großer Durchbruch in der arbeitsmedizinischen Vorsorge, wenn die Erkennung bösartiger Erkrankungen künftig mit einem einfachen Bluttest noch vor einer klinischen Manifestation möglich wäre. Aber zum Einsatz solcher Methoden müssen weitere Fragen geklärt sein. Wie lassen sich Biomarkeruntersuchungen sinnvoll in die anderen Diagnosetools integrieren? Welche verbesserten Therapieoptionen können den Betroffenen eröffnet werden, nachdem sie zu einem frühen Zeitpunkt von der drohenden Erkrankung erfahren haben? Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis klar ist, wie und bei welchen Risikokollektiven wir Biomarker in der nachgehenden Vorsorge einsetzen können.

Am Mesotheliom erkranken jedes Jahr in Deutschland um die 1.000 Menschen. Die Deutsche Krebshilfe geht davon aus, dass die Zahl ab 2030 sinken wird. Wie lange werden die Angebote der GVS noch gebraucht?

Sehr lange. Das liegt zum einen daran, dass zum Beispiel Asbeststaubeinwirkungen erst circa 30 bis 50 Jahre nach Kontakt krankmachen können. Die Stoffe sind zwar irgendwann alle entsorgt, die Gebäude unter höchsten Arbeitsschutzauflagen saniert. Aber es gibt ja noch eine Vielzahl von anderen Stoffen, die Lungenkrebs verursachen können, darunter zum Beispiel auch silikogener Staub. Ende 2019 waren immerhin fast 688.000 Menschen bei uns gemeldet, rund 7.000 mehr als im Vorjahr. Zu ihnen haben wir eine lebenslange Beziehung.