Daten, Zahlen, Fakten und die Geschichten dahinter
Digitalisierung

Auf dem Weg in die digitale Arbeitswelt

Ein Menschenarm und ein Roboterarm berühren sich in der Mitte vor türkisfarbenem Hintergrund.

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt.

Wer eine der größten Umwälzungen unserer Gesellschaft beschreiben möchte, hat die Auswahl aus einer ganzen Reihe gut klingender Schlagworte: Digitalisierung, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz, Internet of Things, Arbeiten 4.0, New Work ... Dabei ist nicht immer ganz klar, was mit den einzelnen Begriffen genau gemeint ist und welche konkreten Auswirkungen die technischen Entwicklungen der letzten Jahre auf die Gesellschaft haben – und noch haben werden. Auch deshalb scheint es sinnvoll, hinter die Schlagworte zu schauen und zu versuchen, etwas Klarheit in die Diskussion zu bringen.

Sieht so die Zukunft der Computertechnik aus?

Das Bild zeigt den Quantencomputer von Google, Man sieht einen hängenden roten Zylinder, aus dem nach unten viele gebogene Leitungen führen, segmentiert von mehreren runden Scheiben. Im Hintergrund stehen Regale mit weiteren elektronischen Geräten

2019 präsentierte Google den nach eigener Aussage besten Quantencomputer der Welt. Herkömmliche Computer rechnen mit klar definierten Zuständen: entweder Null oder Eins. Quantencomputer können auch mit Zwischenzuständen arbeiten. Das erhöht ihre Rechenleistung exponentiell. Noch steckt die Technik aber in den Kinderschuhen.

Den Wandel in Worte fassen

Digitalisierung oder eigentlich genauer: digitaler Wandel beschreibt einen Veränderungsprozess, der in wirtschaftlicher Hinsicht besonders Unternehmen und Beschäftigte betrifft, in sozialer Hinsicht aber die gesamte Gesellschaft. Basis für diese Veränderung sind digitale Technologien und eine digitale Infrastruktur, die neue Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen ermöglichen. Darauf beziehen sich Begriffe wie Industrie 4.0, künstliche Intelligenz und Internet of Things, die jeweils konkrete Aspekte der technischen Entwicklung beschreiben, im Fall von Industrie 4.0 zum Beispiel die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie. Das Ziel sind hier Maschinen, die weitgehend selbstständig fertigen und transportieren und auch eigenständig Selbstdiagnosen durchführen können. Dass sich auch die Art, wie wir arbeiten, gerade verändert, darauf beziehen sich Begriffe wie Arbeiten 4.0 (als Pendant zu Industrie 4.0) oder New Work.

Frauenkopf mit dunklen Haaren von hinten, mit einer Augmented Reality Datenbrille.

Mit Augmented Reality alle wichtigen Infos im Blick.

Der digitale Wandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen, er ist ein kontinuierlicher Prozess, der auch davon abhängt, wie sich die Technik in Zukunft weiterentwickelt. Zudem gibt es in der Wirtschaft – wie auch in der Bevölkerung – keinen einheitlichen Digitalisierungsgrad. Neben Vorreitern, die ihr Geschäft schon weitgehend digitalisiert haben, gibt es Unternehmen, die noch mitten in diesem Prozess stecken sowie solche, die sich noch kaum mit dem Thema befasst haben.

Dass neue Technologien die Arbeitswelt verändern, ist eine Binsenweisheit. Die wichtige Frage ist, wie das passiert. Was die Digitalisierung betrifft, so scheint es: viel zu schnell. Als das Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015 mit dem sogenannten Grünbuch zum Thema „Arbeiten 4.0“ – also Arbeiten im Zeitalter der Digitalisierung – eine breite Diskussion über den Wandel anstoßen wollte, war dieser längst voll im Gange. Das ist ein wiederkehrendes Grundthema des digitalen Wandels: Die Veränderung geschieht so schnell, dass kaum jemand richtig hinterherkommt. Die Unternehmen nicht, die Beschäftigten nicht, die Politik und die Behörden erst recht nicht.

Im Grünbuch „Arbeiten 4.0“ klingt diese Erkenntnis zur Digitalisierung so: „Zugleich beginnen wir erst langsam zu verstehen, wie nachhaltig sie unsere Wirklichkeit bereits verändert hat, mit welcher Geschwindigkeit sie Medien, Wirtschaft und Alltagskultur durchdringt und völlig neu ordnet. Als zentrale Schnittstelle der Veränderung erweist sich die Arbeit.“ Dass die Begriffe New Work oder Arbeit 4.0 inzwischen regelmäßig in der Diskussion auftauchen, zeigt, dass diese Einschätzung richtig ist. Sie beschreiben eine Arbeitswelt der Zukunft, die vernetzter, digitaler und flexibler ist.

Wie schätzen Sie die Medienkompetenz Ihrer Auszubildenden ein?

Die Grafik zeigt die Einschätzung der Medienkompetenz von Auszubildenden durch ihre Arbeitgeber an. Man sieht nebeneinander drei Kreisdiagramme zu den Themen IT-Sicherheit, Reflektionsvermögen über digitale Inhalte und Datenschutz.

Unternehmen sind von der Medienkompetenz ihrer Auszubildenden zu Beginn der Ausbildung eher enttäuscht. Ihnen zufolge hat zum Beispiel ein Viertel aller Auszubildenden keine ausreichenden Kenntnisse über IT-Sicherheit und mehr als die Hälfte kennt sich nicht gut genug im Datenschutz aus.
Quelle: DIHK 2019, 12.467 befragte Unternehmen

Wie sich Arbeit ändert

Aber bedeutet diese Veränderung auch, dass Arbeit nun besser wird? Oder gesünder und sicherer? Oder wird die neue Arbeitswelt weiterhin die alten Probleme haben? Diese Fragen beschäftigen Berufsgenossenschaften wie die BG ETEM naturgemäß, ist es doch ihr gesetzlicher Auftrag, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten. Und zwar unabhängig davon, ob die Beschäftigten mit Hammer oder Handy arbeiten. Unbestritten ist, dass die digitale Transformation eine Chance bedeutet, Arbeit und Arbeitsbedingungen neu zu denken und auch nachhaltig zu verbessern. Sie bedeutet auch neue Geschäftsmöglichkeiten, nicht nur für große Betriebe, sondern gerade auch für kleine und mittlere Unternehmen. Diese haben durch die Digitalisierung zum Beispiel einfacheren und direkteren Zugang zu internationalen Märkten. Für die Arbeitnehmer bieten sich durch die neuen Technologien dagegen bessere Möglichkeiten, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren. Außerdem fallen langweilige Routinearbeiten in Zukunft tendenziell weg – das macht Arbeit spannender und herausfordernder und bietet die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung.

Wie verändert sich die Arbeit aber nun konkret? Am offensichtlichsten sind die Änderungen bei der technischen Ausstattung von Arbeitsplätzen: In einer Umfrage des Bundesarbeitsministeriums zur Digitalisierung am Arbeitsplatz gaben knapp 80 Prozent an, sie hätten in den letzten 5 Jahren eine Veränderung in der technischen Ausstattung ihres Arbeitsplatzes erlebt. Je höher die Bildung, desto wichtiger wird neue Technik: Während fast alle Befragten mit hohem Bildungsgrad digitale Kommunikationstechnologien wie Computer, Internet, Tablet oder Smartphone verwenden, sind es bei den niedrig Qualifizierten gerade etwas mehr als die Hälfte. Die Beschäftigten selbst sehen diesen Wandel mehrheitlich positiv, zum Beispiel weil ihre Arbeit weniger belastend wird oder sie mehr Freiheit bei der Arbeit haben.

Wie relevant für Sie sind folgende neue Technologien in Ihrer täglichen Arbeit?

Die Grafik zeigt die Umfrageergebnisse zu neuen Technologien in der täglichen Arbeit. Man sieht untereinander 3 größer werdene Kreise, jeweils bestimmten Technologien zugeordnet.

Blockchain, 3-D-Druck, Voice Control, Virtual Reality, Robotics, Künstliche Intelligenz, Internet of Things, Big Data & Analytics, Cloud
Quelle: Accenture 2018, 4.944 befragte Personen

Eine weitere Folge der Digitalisierung ist, dass Beschäftigte flexibler werden, was Arbeitszeit und Arbeitsort betrifft. Auch das eine Entwicklung, die von den meisten als positiv empfunden wird. Ein typisches Beispiel, das in diesem Jahr ungeahnte Popularität erlangt hat, ist das Home-Office. Digitalisierung erlaubt aber auch das Arbeiten von unterwegs, zum Beispiel im Zug. Auch Teamarbeit verändert sich: Projekte können standort- und sogar unternehmensübergreifend in virtuellen Teams erledigt werden, Meetings finden über Videokonferenzen statt. Dafür braucht es nicht viel mehr als einen Computer und einen Internetzugang. Eine Einschränkung gibt es allerdings doch: Alle diese Veränderungen betreffen vor allem Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen. Wer mit seinen Händen arbeitet, hat meist deutlich weniger Gestaltungsfreiheit.

Blended Learning

Neue digitale Lernwelten bei der BG ETEM

Seit 2019 setzt die BG ETEM bei der Ausbildung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) auf das sogenannte Blended Learning (integriertes Lernen). Bei dieser Lernform werden die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und E-Learning kombiniert. Das kann zum Beispiel so funktionieren, dass Teilnehmende anhand digitaler Unterlagen eigenständig lernen, um das Gelernte dann gemeinsam in einem Präsenzseminar zu vertiefen. Im August 2019 fand der erste Pilotkurs in der BG ETEM Bildungsstätte Bad Münstereifel statt. Hier werden bislang pro Jahr bis zu 300 Sicherheitsfachkräfte ausgebildet.

„Wir nehmen das Beste aus beiden Welten und versuchen, das optimal zu verbinden“, erklärt Martin Schröder, bei der BG ETEM Referent für die Produktentwicklung im Bereich Qualifizierung. Neue, digitale Formen des Lernens sollten klassische Formen daher auf keinen Fall verdrängen, sondern ergänzen, findet er, denn „Bildungsstätten sind auch Begegnungsstätten!“ Der persönliche Austausch sei im digitalen Wandel weiterhin wichtig. Dennoch weiß auch Martin Schröder: Die Nachfrage nach digitalen Lernangeboten steigt weiter an. Bei der Entwicklung neuer Angebote wird das deshalb von der BG ETEM berücksichtigt.

Die neu gestaltete Sifa-Ausbildung wird berufsbegleitend an drei Lernorten umgesetzt: 20 Lerntage finden als Präsenzseminar in der Bildungsstätte statt, 35 Tage entfallen auf den eigenen Betrieb und 35 Tage auf das selbstorganisierte Lernen. Eine auf Basis der Open-Source-Software ILIAS betriebene Lernplattform ist das zentrale Instrument, das an allen drei Lernorten zum Einsatz kommt. Dort können sich die Lernenden Fachinhalte aneignen und lösen unter anderem Aufgaben in einem Beispielunternehmen. Die digitale Plattform ermöglicht den Lernenden größtmögliche Unabhängigkeit und erlaubt ihnen, das für sie beste Lerntempo zu finden.

Auch die Lehrenden stellt das neue Ausbildungskonzept vor neue Herausforderungen. Sie wurden daher intensiv auf ihre neue Rolle vorbereitet. Die Seminare in der neuen Sifa-Ausbildung finden durchgängig im sogenannten Teamteaching statt. Dabei unterstützen zwei Lehrende eine Gruppe von Lernenden. Perspektiven- und Methodenvielfalt können so erweitert und verschiedene Professionen mit ihren Erfahrungen einbezogen werden.

Infos zur neuen Sifa-Ausbildung: bgetem.de, Webcode: 11387120

Portrat von Martin Schröder, Er trägt eine Brille, einen dunklen Anzug mit weißem Hemd, eine Brille und einen graumelierten Vollbart.

Martin Schröder
Referent Produktentwicklung Qualifizierung

Digitale Lernangebote erweitern unser Angebot und machen es attraktiver. Wichtig: Die Inhalte müssen dafür angepasst werden, eine 1:1-Umsetzung funktioniert nicht!

Dein Freund, der Roboter?

Im produzierenden Gewerbe ist Automatisierung ein großer Trend. Das kann die Automatisierung von betrieblichen Geschäftsprozessen sein, zum Beispiel dass ankommende Aufträge automatisch intern an die richtigen Mitarbeitenden weitergeleitet werden oder dass benötigte Materialien automatisch bestellt werden. Automatisierung bedeutet aber auch, dass körperliche Arbeit von Maschinen übernommen wird. Insbesondere in der Industrieproduktion übernehmen Roboter Montagearbeiten, die früher noch von Hand erledigt wurden. Meist sind das klassische Industrieroboter, die allerdings – aufgerüstet mit Sensoren, digitaler Technik und künstlicher Intelligenz – immer schlauer werden. Sie werden am häufigsten in der Autoindustrie, der Elektroindustrie und in der Metallverarbeitung verwendet. Bis 2022 werden weltweit rund 4 Millionen solcher Industrieroboter im Einsatz sein. Deutschland zählt aber schon heute mit einer Roboterdichte von 338 Einheiten pro 10.000 Arbeitnehmern im internationalen Vergleich zu den am stärksten automatisierten Volkswirtschaften.

VW-Werk in Zwickau, Werkshalle mit Robotern, die Autoteile zusammensetzen.

Die Automatisierung der Industrieproduktion schreitet immer schneller voran
Flexibel einsetzbare Roboter und miteinander kommunizierende Maschinen verändern die Industrieproduktion. In der sogenannten Industrie 4.0 werden Menschen für die Montage kaum noch benötigt – wie hier im VW-Werk in Zwickau, das mit Unterstützung von Siemens digitalisiert wird. Ihre Aufgaben sind nun eher das Überwachen und Warten von Maschinen.

Arbeit wird leichter und anspruchsvoller zugleich

Auch kleinere und deutliche flexiblere Roboter, sogenannte Cobots (Wortschöpfung aus collaborative robots), sind inzwischen im Kommen: Sie können nicht nur für eine bestimmte Tätigkeit eingesetzt, sondern auf unterschiedliche, wechselnde Tätigkeiten trainiert werden. Cobots sind daher auch für kleinere und mittlere Unternehmen interessant. Eine weitere interessante Entwicklung sind Stützroboter oder Exoskelette. So werden am Körper getragene Stützstrukturen bezeichnet, die durch eine mechanische Unterstützung der Beschäftigten die Belastung für den Körper reduzieren und so die Gefahr von Verletzungen verringern. Sie werden zum Beispiel in der Logistik verwendet, wo Beschäftigte häufig schwere Lasten tragen müssen.

Dass die Industrieproduktion automatisiert und digitalisiert wird, hat zunächst einmal positive Folgen: Arbeit wird einfacher. Häufig fallen anstrengende oder körperlich belastende Tätigkeiten weg oder werden zumindest deutlich einfacher. Es findet allerdings auch eine Verschiebung statt: Der langfristige Trend geht für die Beschäftigten weg von handwerklichen Tätigkeiten, hin zu einer eher beobachtenden und eingreifenden Rolle. Insgesamt wird die Arbeit auch in der Produktion anspruchsvoller werden und mehr Fähigkeiten wie selbstständiges Handeln, Selbstorganisation, Abstraktionsfähigkeit und Problemlösungskompetenz fordern. Einfachere Tätigkeiten werden perspektivisch immer weniger benötigt werden.

3-D-Betondrucker im Freien mit einem gedruckten Haus, rechts daneben steht eine Gruppe von mehreren Menschen.

Handarbeit aus dem Drucker
Auch das Handwerk muss sich auf radikale Veränderungen durch die Digitalisierung einstellen. So wurde beispielsweise In Camp C, dem Provinzzentrum für Nachhaltigkeit und Innovation im Bauwesen in Westerlo (Belgien), ein ganzes Haus mit dem größten 3-D-Betondrucker Europas gedruckt. Es ist neunzig Quadratmeter groß und wurde komplett auf der Baustelle produziert.

Etwas anders sieht es im klassischen Handwerk aus. Die Kerntätigkeiten werden hier auch weiterhin von Menschen erledigt. Was sich allerdings ändert, ist das Drumherum: In vielen der meist kleinbetrieblich strukturierten Handwerksbetriebe werden auch heute schon smarte Werkzeuge, Apps, 3-D-Drucker oder Drohnen eingesetzt, Organisations- und Personaleinsatztools, Smartphones und Tablets zur Einsatzplanung verwendet oder Objekte und Maschinen aus der Ferne untersucht und gewartet. Handwerkerinnen und Handwerker benötigen daher heute eine Mischung aus technischem und digitalem Know-how sowie handwerklichen Fertigkeiten. Der Wissensanteil ihrer Arbeit hat dabei in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Dies ist eine Entwicklung, die sich weiter fortsetzen wird.

Mehr Kopf und weniger Körper

Während der technische Fortschritt also dazu führt, dass die körperliche Belastung durch Arbeit eher abnimmt, nehmen die Anforderungen im geistigen Bereich eher zu. Das sieht auch Arbeitspsychologe Dr. Just Mields von der BG ETEM so: „Wenn Tätigkeiten zunehmen, bei denen der kognitive Faktor – das Wissen – dominiert, führt das zu einer Verschiebung von körperlichen hin zu psychischen Anforderungen.“ Solche Veränderungen können bei Beschäftigten auch Ängste auslösen – diese gilt es abzufedern durch eine offene Kommunikation. Hier sind besonders die Führungskräfte gefragt. Sie haben im Veränderungsprozess eine Doppelrolle, denn sie müssen den Wandel der Arbeitswelt nicht nur gestalten und durchsetzen, sondern gleichzeitig auch erklären und moderieren. Schlecht geplante Digitalisierungsprozesse führen zu Widerstand, Ängsten und Stress in der Belegschaft. Und schlecht geplant sind sie, so Just Mields, wenn „zwar den technischen Veränderungen viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, die sozialen Anpassungsprozesse aber vergessen werden.“ Dabei lohnt es sich für Betriebe sehr, die psychische Gesundheit der Beschäftigten im Blick zu behalten – schließlich sind psychische Erkrankungen heute eine der häufigsten Diagnosegruppen bei Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeitstagen. Auch die durchschnittliche Krankheitsdauer ist mit 39 Tagen dreimal so hoch wie bei anderen Erkrankungen.

Ein große Aufgabe für Führungskräfte liegt also in der Vermittlung und Begleitung des Wandels. Nur wenn sie hier erfolgreich sind, können auch die Beschäftigten die Anpassungen, die der digitale Wandel notwendig macht, erfolgreich bewältigen. Just Mields erklärt das so: „Kein Mensch mag Veränderungen, die ihm aufgezwungen werden, und viele haben regelrecht Angst davor, zu den Abgehängten zu gehören. In jedem Veränderungsprozess ist Kommunikation das A und O. Warum machen wir das? Was hat das für konkrete Auswirkungen für jeden Einzelnen? Mitarbeitende können am besten mit Veränderungen umgehen, wenn sie erleben, dass sie von Anfang an einbezogen werden.“

Digitale Verwaltung

Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG)

Mit der Digitalisierung der Verwaltung kennt Irina Michelsen sich aus. Schon 2004, als die BG ETEM in der Abteilung Mitglieder und Beitrag von Papierakten auf elektronische Akten umstellte, arbeitete sie bei der Berufsgenossenschaft. Auch an der 2019 abgeschlossenen Umsetzung des digitalen Lohnnachweises, war Irina Michelsen, inzwischen Standortleiterin für den Bereich Mitgliedschaft und Beitrag in Köln, beteiligt. Nun beschäftigt sie sich mit etwas, das Verwaltungen in ganz Deutschland herausfordert: Das „Gesetz zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsleistungen“ (OZG) verpflichtet Bund und Länder, ihre Verwaltungsleistungen bis Ende 2022 auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. Als bundesunmittelbare Körperschaft des öffentlichen Rechts betrifft das auch die BG ETEM. Konkret beinhaltet das OZG zwei Aufgaben: Digitalisierung der Angebote und Vernetzung der Behörden untereinander. Doch die eigentliche Revolution steckt nicht in der Digitalisierung selbst, sondern im Anspruch des Gesetzes: Im Mittelpunkt sollen die Ansprüche der Nutzerinnen und Nutzer stehen – und nicht die der jeweiligen Verwaltungsbehörden.

Für Irina Michelsen ein überfälliger Schritt: „Es war notwendig und richtig, das Gesetz zu machen und damit die Verwaltungen zu motivieren, ihre Verwaltungsleistungen auch online anzubieten. Denn eine funktionierende digitale Verwaltung ist schneller, effizienter und nutzerfreundlicher.“

Es den Mitgliedsunternehmen möglichst einfach zu machen – das ist auch heute schon die Haltung der BG ETEM. Im Extranet haben sie die Möglichkeit, Formulare online an die BG ETEM zu übermitteln – beispielsweise Unfallanzeigen, Angaben zum Betriebsgegenstand oder Änderungen an den Unternehmensdaten. Das Extranet dient auch als digitales Auskunftssystem, Mitgliedsbetriebe können Informationen zum Beispiel über ihre Veranlagung, Stamm- oder Meldedaten einsehen. Schrittweise werden immer weitere Services dazukommen. Irina Michelsen ist auf jeden Fall gespannt auf das, was die digitale Zukunft bringen wird. Sie sieht die Veränderung durch das OZG positiv: „Die Arbeit in der Verwaltung wird vielleicht zum Teil wegfallen – aber dann haben wir mehr Zeit für eine gute Fachberatung!“

Porträt von Irina Michelsen. Sie hat kurze blonde Haare, trägt eine Brille und eine weiße Bluse.

Irina Michelsen
Standortleitung Köln
Mitgliedschaft und Beitrag

Raus aus den Silos, rein ins Vergnügen – dieses Digitalisierungsmotto gefällt mir gut! Denn unser Ziel ist klar: Wir wollen Versicherten und Unternehmen einfache, digitale und gut funktionierende Verwaltungsleistungen anbieten.

Eine Kultur das Wandels schaffen

Um das leisten zu können, benötigen Führungskräfte unter anderem Kompetenzen im Bereich Mitarbeitendenführung und Kommunikation. Im Rahmen der Kampagne „kommmitmensch“ unterstützt die BG ETEM Verantwortliche und Beschäftigte darin, Kompetenzen in diesen Handlungsfeldern auszubauen. Manchmal reicht das alleine aber nicht – zum Beispiel wenn das ganze Unternehmen Innovationen und Veränderungen grundsätzlich eher ablehnt.

Wie festgefahren solche Verhaltensmuster sein können, zeigt sich häufig erst, wenn großer Veränderungsdruck herrscht – so wie beim Thema digitaler Wandel. Spätestens dann stellt sich die Frage nach der eigenen Unternehmenskultur. Hilft sie bei der Lösung von Problemen oder steht sie eher im Weg? Wenn es in diesem Bereich schlecht läuft, kann eine Kulturentwicklung helfen: „Die Kampagne ‚kommmitmensch‘ spricht genau die Themen an, die helfen, eine Kultur der Prävention zu erreichen. Und das ist auch genau die Kultur, mit der die Digitalisierung im Unternehmen gelingt“, so Just Mields.

Bei diesem Prozess der Kulturentwicklung setzt die BG ETEM auch auf professionelle Partner. Um ihren Mitgliedsunternehmen die bestmögliche Unterstützung bieten zu können, arbeitet sie mit „kommmitmensch“-Beraterinnen und -Beratern zusammen. Sie haben sich in einem umfangreichen Auswahlverfahren qualifiziert und begleiten Unternehmen bei der Entwicklung ihrer eigenen Kultur in Sachen Führung, Innovation, Qualität, aber auch zu Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit. Ziel der Beratung ist es, ein für das jeweilige Unternehmen maßgeschneidertes Beratungspaket zu schnüren. Dies soll sowohl Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Betrieb verbessern als auch die betriebswirtschaftlich messbare Performance optimieren.

Neben guter Führung ist vor allem die Qualifizierung von Mitarbeitenden ein weiteres wichtiges Thema. Denn die neuen Kompetenzen, die die Arbeitswelt 4.0 erfordert, müssen häufig erst erlernt werden. Nur auf junge Arbeitskräfte zu setzen, ist dabei keine gute Strategie. Zum einen, weil es schlichtweg nicht genug von ihnen gibt – Stichwort demografischer Wandel. Zum anderen, weil auch sie nicht zwangsläufig die digitalen Kompetenzen mitbringen, die ein Unternehmen konkret benötigt. Arbeitgeberverbände aus Handwerk und Industrie weisen schon länger darauf hin, dass auch jüngere Mitarbeitende in vielen digitalen Themen Nachholbedarf haben. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung braucht es daher Konzepte für die Weiterbildung der gesamten Belegschaft.

Eine neue Rolle für die Berufsgenossenschaften

Auch die BG ETEM muss dazulernen. In einer digitaleren Arbeitswelt ändert sich nämlich auch die Rolle der Berufsgenossenschaften. Die neue Arbeitswelt, die gerade entsteht, wirft neue Fragen auf. Sie betreffen zum Beispiel die zukünftige Ausgestaltung von Tätigkeitsfeldern, Regelungen und Instrumenten. Berufsgenossenschaften müssen Antworten auf die Frage geben, wie auch in einer veränderten, deutlich dynamischeren Arbeitswelt sicher und gesund gearbeitet werden kann. So können innovative Fertigungstechniken und Arbeitsmethoden neue Unfallrisiken oder Gesundheitsbelastungen zur Folge haben. Auch wenn bislang keine Unfälle oder Gesundheitsschädigungen in direktem Zusammenhang mit neuen Technologien bekannt sind, muss sich die BG ETEM trotzdem schon heute mit dem Thema „Arbeitswelt von morgen“ auseinandersetzen.

Und das passiert: So versucht eine Arbeitsgruppe der BG ETEM durch Beobachtungen und Befragungen in den Mitgliedsbetrieben herauszufinden, welche Entwicklungen für die zukünftige Prävention eine besondere Rolle spielen. Sie soll auch klären, welche Maßnahmen geeignet sind. Auch wenn sich noch nicht eindeutig sagen lässt, wie sich der digitale Wandel auf die Arbeitsplätze auswirken wird, ein Grundsatz der BG ETEM verändert sich aber nicht: Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten müssen auch in diesem Veränderungsprozess im Mittelpunkt stehen.

Zusätzlich wird es 2021 in Dresden eine Fachtagung mit dem Titel „Digitalisierung der Arbeitswelt“ geben, auf der die BG ETEM über den aktuellen Stand der Diskussionen berichtet und zum gemeinsamen Austausch zum digitalen Wandel einlädt. Die Veranstaltung richtet sich an Mitgliedsbetriebe, Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Sicherheitsbeauftragte. Themen sind zum Beispiel die Auswirkungen der Digitalisierung auf Industriearbeit, gesundes Arbeiten im digitalen Wandel oder künstliche Intelligenz.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Doch die BG ETEM will nicht nur wissen, wie der digitale Wandel die Arbeit in den Mitgliedsbetrieben ändert. Auch die Arbeit in der Berufsgenossenschaft selbst verändert sich. Denn der digitale Wandel betrifft ja nun einmal alle. Und mit ihm ändern sich auch die Ansprüche, die Mitgliedsbetriebe und Versicherte angesichts der fortschreitenden Digitalisierung an die Arbeit der BG ETEM haben. Diese berechtigten Ansprüche zu erfüllen – trotz demografischen Wandels und Fachkräftemangels – ist keine leichte Aufgabe. Für die Berufsgenossenschaft geht es darum, diesen Prozess aktiv zu gestalten und ihre Arbeit für Mitgliedsbetriebe und Versicherte mit den Mitteln der Digitalisierung schneller und besser zu machen. Deshalb hat sich die BG ETEM bereits 2017 auf einem „Data Innovation Day“ damit beschäftigt, wie und wo sie selbst die Fortschritte der Technik für eine effizientere Verwaltung nutzen kann. Oder anders formuliert: wie sie in einer Welt von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 zu einem modernen Dienstleister 4.0 werden kann.

Ein weißer Bus ohne Fahrer steht auf einer Straße in Tallinn (Estland); ein junger Mann in kurzer Hose und T-Shirt steigt aus. Rechts steht eine Schlange von mehreren Menschen, die einsteigen wollen.

Ohne Fahrer sicher zum Ziel
Trotz erfolgreicher Pilotprojekte wie hier in Tallinn (Estland), wird flächendeckendes autonomes Fahren wohl noch mehrere Jahrzehnte dauern. In Teilbereichen wie der Lagerhaltung werden sich autonome Systeme aber wesentlich schneller durchsetzen.

Damit lag die BG ETEM genau richtig: Denn sich selbst zu wandeln, den digitalen Wandel selbst zu vollziehen – das ist auch der Anspruch, den die die Politik an die Verwaltung in Deutschland und damit auch an die Berufsgenossenschaften hat. Aus diesem Grund wurde 2017 das Onlinezugangsgesetz beschlossen. Es verpflichtet Bund und Länder, bis spätestens 2022 Verwaltungsleistungen elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. In diesen Prozess bringt sich auch die BG ETEM mit ihrem Wissen ein, zum Beispiel im Bereich Unternehmensregistrierung. Ziel ist hier eine einheitliche Unternehmenskennziffer, die von allen Behörden verwendet werden kann und Mehrfachregistrierungen überflüssig macht. So werden Unternehmen entlastet.

79 Prozent aller Unternehmen sehen digitale Lernangebote positiv, aber nur 33 Porzent nutzen sie auch schon regelmäßig.
Quelle: Bitkom / vdTÜV 2018

Darüber hinaus arbeitet die BG ETEM aber auch an anderen Projekten wie der Modernisierung ihres Lernangebots. In diesem Bereich bietet der digitale Wandel viele Möglichkeiten, Inhalte nach Bedarf individuell bereitzustellen oder Seminare und Fortbildungen ergänzend online anzubieten. Auch im Bereich der Nutzung von künstlicher Intelligenz ist die BG ETEM aktiv, hier ist sie sogar ein Pionier unter den Berufsgenossenschaften. Künstliche Intelligenz kann die Arbeit der Verwaltung erleichtern, weil sie Routinevorgänge automatisieren kann. Wie Studien zeigen, verbringen Angestellte in der Verwaltung rund 3,5 Stunden pro Tag mit stereotypen Aufgaben, obwohl viele Daten und Dokumente bereits digital zur Verfügung stehen und somit auch maschinengestützt bearbeitet werden könnten.

Was versprechen Sie sich als Handwerksbetrieb von der Digitalisierung?

Die horizontale Balkengrafik zeigt die Ergebnisse einer Bitkom-Umfrage von Betrieben zum Thema digitale Transformation. Die einzelnen Balken zeigen die Anteile der einzelnen Faktoren an.

Für Handwerksbetriebe bedeutet die digitale Transformation vor allem Zeitersparnis, mehr Flexibilität und optimierte Abläufe. Deutlich weniger wichtig sind weiche Faktoren wie Arbeitsplatzattraktivität.
Quelle: ZDH/Bitkom Research 2020, 502 befragte Betriebe

Der Wandel geht uns alle an

Diese Beispiele von der BG ETEM verdeutlichen: Der digitale Wandel ist kein Thema, das nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen betrifft. Seine Auswirkungen betreffen alle Menschen in der Gesellschaft, direkt oder indirekt. Besonders betroffen ist dabei die Arbeit, die sich im Zuge des Wandels stark verändern wird – in vielen Bereichen zum Besseren. Digitalisierung bedeutet die Möglichkeit zusätzlichen Wachstums, abwechslungsreicherer Tätigkeiten und mehr persönlicher Freiheit – und das bei geringerer körperlicher Belastung. Dennoch braucht es eine breite gesellschaftliche Diskussion über Arbeit, damit auch in Zukunft gute und sichere Arbeit möglichst für alle Beschäftigten sichergestellt ist. Für die Berufsgenossenschaften heißt das: Neben den physischen die psychischen Beanspruchungen von Arbeit stärker in den Fokus zu rücken. Denn nicht nur die Arbeit selbst verändert sich, auch die Ansprüche an die Qualität der Arbeit. Das ist eine große Chance und eine große Aufgabe zugleich.

Künstliche Intelligenz

Datenunterstützes Regressmeldeverfahren

Mit dem Thema künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt sich Johannes Hüdepohl inzwischen knapp ein Jahrzehnt. Deshalb ist die BG ETEM bei diesem Thema ein Vorreiter unter den Berufsgenossenschaften, was den Einsatz von KI in den Geschäftsprozessen der Verwaltung angeht. Dass die Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung Johannes Hüdepohl begeistern, verwundert nicht: Als Leiter der Stabsstelle Controlling gehört der Umgang mit Daten und deren Einsatz in Prozessen zu seinen Aufgaben. Auch gehört dazu, gemeinsam mit anderen Abteilungen KI für Anwendungsfälle nutzbar zu machen. Sein aktuelles Projekt, das er gemeinsam mit der Abteilung Regress durchführt, spart aber nicht nur Zeit, sondern vor allem auch Geld für die BG ETEM und ihre Mitgliedsbetriebe. Es geht um die Neuorganisation des Regressmeldeverfahrens mithilfe künstlicher Intelligenz.

Jedes Jahr werden der BG ETEM rund 180.000 Unfälle angezeigt. Bei möglichem Fremdverschulden wird geprüft, ob Forderungen gegenüber schadenersatzpflichtigen Dritten bestehen (Regress). Bislang wurde diese Arbeit dezentral von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Unfallsachbearbeitung manuell miterledigt. Die Bearbeitung ist personalaufwendig und es gehen der BG ETEM Einnahmen verloren, wenn nicht alle Ansprüche identifiziert werden können. Das ändert sich mit dem Einsatz von KI. Im neuen Verfahren prüft eine selbstlernende Software wöchentlich alle neuen Unfallmeldungen und erstellt eine Auswahl der erfolgversprechendsten Regressfälle. Diese Auswahl wird nun von den Expertinnen und Experten der Regressabteilung qualitativ validiert und frühzeitig bearbeitet. Das bedeutet: Alle Unfälle werden nach gleichen Regeln gescannt und die BG ETEM hat mehr Einnahmen trotz weniger Verwaltungsaufwand. Bereits in der Testphase generierte das System deutliche Mehreinnahmen.

Für die Abteilung Regress und Johannes Hüdepohl dabei besonders wichtig: „Die Entscheidung über die Fallauswahl liegt weiterhin bei den Mitarbeitenden! Aber die KI vereinfacht den Prozess, führt zu besserer Fallauswahl und garantiert vollständige Sichtung.“ Damit grenzt sich dieses System bewusst von solchen KI-Algorithmen ab, die ganz ohne menschliches Zutun Entscheidungen treffen, die von Menschen nicht mehr nachvollziehbar sind (sogenannte „Black Box“). Das von der BG ETEM eingesetzte System beruht auf sogenannten Entscheidungsbäumen und ist von hoher Transparenz. Es wird daher auch als „White Box“ bezeichnet.

Porträt von Dr. Hüdepohl. Er hat eine Halbglatze, trägt eine Brille und einen dunklen Anzug mit Krawatte und weißem Hemd. Er steht im Freien, im Hintergrund sieht man die Fenster eines Gebäudes.

Dr. Johannes Hüdepohl
Leiter Stabsstelle Controlling

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz eröffnet viele Chancen, die wir nutzen können, enthält aber auch manches Risiko, das wir beachten müssen. Hier gilt es abzuwägen.

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